Buchtipp „Nutze deine Angst“ von Ralf Bongartz

 „Wie wir in Gewaltsituationen richtig reagieren“, verspricht das Buch auf dem Cover. Dass die Welt oft komplizierter ist, als es uns solche Sätze und die Ratgeberliteratur versprechen, wissen wir ja. Dennoch ist es ein lesenswertes Buch zum Thema Zivilcourage.

 Der Autor Ralf Bongartz hat viel Erfahrung zum Thema: Er war lange Jahre Polizist, hat Ausbildungen in Pantomime und Schauspiel absolviert und arbeitet inzwischen als Trainer und Dozent. Mit diesen Vorerfahrungen kann er viele Beispiele erzählen und Situationen anschaulich schildern.

Davon lebt das Buch: Der Autor schildert plastisch (und zum Teil drastisch) eine Fallsituation und verdeutlicht daran Tipps und Anregungen für das eigene Handeln in Gewaltsituationen (sowohl als „Opfer“ als auch als Dritte).

Durch diese zahlreichen Fallbeispiele wird das Buch allerdings zum Teil unübersichtlich. Manches wiederholt sich (und prägt sich dadurch besser ein), manches ist schwer wiederzufinden. Leider verzichtet das Buch auf Fuß- oder Endnoten, was sicherlich v.a. das Fachpublikum stört.

Sehr interessant (auch für erfahrenere Leser_innen) sind seine Tipps zum Thema „paradoxe Intervention“. Da bewährt sich die Nutzung der vielen Fallbeispiele, weil man so anschaulich unterschiedliche Techniken gezeigt bekommt.

Mir fehlte beim Lesen die Darstellung von Diskussionen oder strittigen Punkten. Der Autor ist überzeugt von seinen Handlungsanweisungen und Einschätzungen und beschreibt sie so, als wären sie die einzig möglichen. Zumindest bei heiklen Themen (wie der Frage, ob man als Dritte in einer Gewaltsituation mit seinem Handy Fotos macht oder ob so etwas Täter_innen eher provoziert) hätte ich mir eine differenziertere Darstellung gewünscht.

Überhaupt ist manches sehr klischeebehaftet. Figuren in Fallbeispielen werden leicht einfach und pauschal gezeichnet. Allerdings entstehen dadurch bei den Leser_innen stereotype Bilder, die nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmen. Auffällig ist dies bei dem Buch von Bongartz beim Thema Rechtsextremismus, aber vor allem bei Frauen und seinen Tipps für ihr Verhalten.

Der Autor schreibt aus einer männlichen Perspektive, die mich als Leserin z.T. nicht wahrnimmt. Zudem empfiehlt der Autor an mehreren Stellen Frauen, sich nachts nicht alleine an öffentlichen Orten zu bewegen, und rät ihnen stattdessen, sich abholen zu lassen oder mit dem Taxi zur Arbeit zu fahren. Dass dies so nicht umsetzbar ist, wird mit keinem Wort erwähnt. Und die hier notwendige Diskussion darum, welche Auswirkungen die Umsetzung solcher Empfehlungen auf das Leben von Frauen hat und dass ein Meidungsverhalten wohl nicht die optimale Lösung des Problems sein kann, wird mit einem Satz des Bedauerns abgetan. Die Frage danach, wie denn die Ausgangslage verändert werden könnte (oder zumindest eine gesellschaftliche Debatte darüber geführt werden könnte), wird nicht gestellt.

Dass die Formulierung „islamische Schamkultur“ benutzt, aber nicht erklärt wird, ist ebenfalls ein Lapsus, der in einem Buch, das Zivilcourage zur Verteidigung von Menschenwürde fördern will, eigentlich nicht passieren sollte.

Nichtsdestotrotz ist es ein lesenswertes aktuelles Buch mit hilfreichen Tipps zum Thema Zivilcourage. Zwar wird man auch aus einem solch anschaulichen Buch Zivilcourage nicht umfassend lernen können, aber es ist eine Möglichkeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen, und eine gute Ergänzung zu einem praktischen Training – oder vielleicht auch ein Anstoß, an einem solchen teilzunehmen. (ChB)

Ralf Bongartz: Nutze deine Angst. Wie wir in Gewaltsituationen richtig reagieren, Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2013

Ein zusätzlicher Lesetipp: In der September-Ausgabe der Zeitschrift Chrismon gibt es ein Interview mit dem Autor des Buches.